Archive für 5.3.2011

Die Null

Auch wenn die Überschrift es vielleicht vermuten lässt, ich schreibe heute nicht über meinen Lieblings-EX-Minister Guttenberg, da wurde in den letzten Tagen von zu vielen Leuten zu viel gesagt. Vor allem von solchen, die sich jetzt auf facebook verbünden, um den Plagiator zurückzuholen, bis gestern aber noch nicht einmal wussten, welches Amt der gute Mann überhaupt ausübt. Aber egal, Demokratie ist die Herrschaft des Volkes, da gehören nun einmal alle dazu, unabhängig von ihrer geistigen Beweglichkeit…

Meine heutige Null ist ein ganz anderer, wenngleich auch er der CSU angehört. Hans-Peter Friedrich. Gut, Sie werden den Mann nicht kennen, er war bisher Landesgruppenvorsitzender der CSU-Fraktion im Bundestag und ist jetzt, hoppla, Bundesinnenminister. Okay, er ist nicht erste Wahl, selbst die CSU fragte vorher bei Gott und der Welt an, aber letztlich wurde Friedrich neuer Innenminister - schon allein, weil niemand sonst nach Berlin wollte. Tja, wird er sich gedacht haben, der gute Friedrich, Innenminister, CSU, da muss es krachen, das muss nach Law und Order aussehen, nach Stärke und überhaupt. Was tun? Natürlich, eine Minderheit eignet sich immer mal gut, um Stärke zu beweisen und dem Populismus zu frönen. Also, gleich mal in der ersten Rede die Angst vor dem Islam schüren - denn, so, Friedrich, islamische Bürger gehören zwar zu Deutschland, nie und nimmer aber der Islam. Eine lustige Argumentation, denn Muslime gehören zwar zu Deutschland, deren Religion aber nicht, d.h. wir trennen nun offenbar zwischen dem Alltagsmenschen und dem religiösen Menschen. Was schwer werden dürfte, wenn der Alltagsmensch plötzlich religöse Ansichten äußert und der religiöse Mensch auf einmal im Alltag lebt. Aber egal, Friedrich hat gleich einmal einen Pflock eingeschlagen - immerhin ist er das der CSU, dem rechten Rand der Gesellschaft und seiner Position als Vorsitzender des Integrationsrates schuldig. Integration hat in der CSU schließlich immer schon so funktioniert, dass man über statt mit den Migranten spricht und Vorbehalte und Ängste schürt.

Historisch sei eine Rolle des Islams für Deutschland nicht zu belegen, so der neue Bundesinnenminister. Gut, das mag daran liegen, dass der Islam älter als Deutschland ist, aber wenn man genau hinsieht, stolpert man plötzlich doch über ein Dinge. Über die europäische Kultur zum Beispiel, die sich auf die griechischen Philosophen stützt. Und woher haben wir das Wissen über die griechische Philosophie? Aus Arabien, denn die Muslime haben die Schriften gesammelt, während germanische Völker damit ihr Wohnzimmer geheizt haben. Der Einfluss der Muslime in Spanien für das abendländische Denken ist natürlich zu vernachlässigen, wer braucht schon Anatomie und Medizin. Die Zeit der Kreuzzüge, immerhin zweihundert Jahre der gegenseitigen Beeinflussung, der Übernahme von Denkvorstellungen, Sitten und Traditionen, weggewischt. Die persönliche Leistung der Gastarbeiter in der Bundesrepublik, die das Wirtschaftswunder am Laufen hielten, egal, das waren Alltagsmuslime und keine religiösen. Und was solls, arabische Zahlen, pillepalle. Wobei, Moment, hier schließt sich der Kreis: Die Null haben uns die arabischen Muslime beschert - und gerade Herr Friedrich verneint deren Einfluss?

Aber er hat schon Recht: Leichter ist es natürlich, auszugrenzen, Vorbehalte zu schüren, mit Ängsten zu arbeiten. Offenheit, Bereitschaft zu Lernen und Veränderungswille kosten Kraft - und die hat ein Bundesinnenminister nicht, schließlich muss er sich um die Sicherheit in Deutschland kümmern. Und ein friedliches, gemeinschaftliches Zusammenleben hat doch mit Sicherheit nichts zu tun, oder?

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