Archive für November 2010

Gute Politiker, schlechte Politiker

Es gibt ja Dinge, die ich bei älteren Menschen früher, als ich noch jung war, gehasst habe. Zum Beispiel, wenn von der guten alten Zeit erzählt wurde. Aber mal ehrlich, finden Sie nicht auch, dass früher vieles besser war? Und ich meine jetzt gar nicht unbedingt die Tatsache, dass es nur drei Fernsehsender gab, die Blödsinn zeigen konnten, oder dass man auch mal ungestört und vor allem unerreichbar sein konnte. Nein, mir geht es natürlich um die Politik.

Früher verstanden sich viele Deutsche tatsächlich als Staatsbürger, als Menschen, die sich interessieren, informieren und einbringen. Die mitreden, mitdiskutieren und anpacken. Und heute? Mehr und mehr Menschen klinken sich aus der politischen Debatte aus, äußern sich höchstens noch anonym in Internetforen, was die Diskussion meist nicht bereichert, beobachten eher, was passiert. Wir sind von Mitwirkenden zu Zuschauern geworden, konsumieren Politik, ohne selbst einzugreifen.

Ähnlich einer Daily Soap betrachten wir die politischen Vorgänge in unserem Lande, seicht und oberflächlich, weil das Fernsehen kurze Statements braucht, weil sofort reagiert wird und reagiert werden muss, weil jede Äußerung sofort den Weg in die Öffentlichkeit findet, über facebook, twitter und SMS. Aber in ein paar Sekunden oder mit wenigen Zeichen lässt die Welt sich leider nicht erklären. Aber das fordern wir als Bürger auch gar nicht mehr ein. Wir sind froh, wenn wir uns mit Chips und Bier auf der Couch zurücklehnen können, Anne Will und Maybritt Illner gucken und mal reinschauen, was es so Neues in unserer Soap gibt. Und wir müssen uns glücklicherweise kaum umstellen, denn alle Rollen sind besetzt: der alte Grantler, der alles besser weiß und die Finanzen verwaltet, die spröde Mutti, der vorlaute Berufsjugendliche, der um die Welt reist und laute Sprüche klopft, die unbedarfte hübsche junge Frau, die schon einmal naiv in Interviews den Feminismus kritisiert und, natürlich, der strahlende Held, der mit seiner attraktiven Frau auf allen Bällen und Veranstaltungen auftaucht, der umschwärmt und geliebt wird.  Zumindest solange, bis die Zuschauer seiner überdrüssig sind und hinter die Fassade blicken.

Wir nehmen teil an Schicksalen, Hoffen und Bangen mit unseren Favoriten, diskutieren über die neuesten Entwicklungen, nicht, um einzugreifen, sondern wie man auch über das Fernsehprogramm plaudert. Glücklicherweise stehen seit einigen Monaten mehr und mehr Menschen auf und mischen sich plötzlich wieder in die Handlung ein, werden aktiv, agieren. Egal, ob die Nichtraucher in Bayern, die Schulreformverhinderer in Hamburg, die Stuttgarter am Bahnhof, die Tausende, die gegen Atomkraft aufstehen, die Bevölkerung ist es Leid, in die Rolle des Zuschauers gedrängt zu werden. Wir machen unseren eigenen Film - und mal sehen, wer dann dabei mitspielen darf!

Masters of the Universe

Ja, sie sind wieder da: die Masters of the Universe. Hm, ich sehe ihre Verwunderung. Was meint er nun damit schon wieder? Sicher nicht die gruseligen Monster der 80er Jahre, bei denen das Gute unter He-Man gegen das Böse, Skeleton und seine Schergen, ankämpfte. Im Gegensatz zu den heutigen Herren des Universums waren die damaligen Actionfiguren völlig harmlos.

Nein, diejenigen, die sich bis 2008 tatsächlich selbst als Masters of the Universe bezeichneten, waren die Finanzjongleure und Banker, die weltweit agierten, investierten - und zerstörten. Diejenigen, die die Weltwirtschaft in den letzten Jahren an den Rand des Abgrunds geführt hatten und derentwegen wir Steuerzahlen Milliarden an Bürgschaften, Rettungsschirmen und direkten Hilfen locker machen mussten. Schließlich darf eine Großbank nicht pleite gehen - das Wort der Systemrelevanz wurde damals erfunden. Tja, die Masters of the Universe waren wenigstens für kurze Zeit sehr sehr still, fast schon reumütig zeigten sie sich der Öffentlichkeit, wenngleich sie trotzdem Bonuszahlungen in Millionenhöhe einklagten und wenig Unrechtsbewusstsein erkennen ließen. Aber für Hochmut war nicht mehr der richtige Moment.

Ganz anders heute. Zwar stöhnen Steuerzahler und Staaten unter den Lasten der Finanzkrise, zwar kämpfen Staaten wie Griechenland, Italien, Portugal, Spanien und Irland ums Überleben und die Bevölkerung dort steht vor harten Einschnitten, zwar wachsen der Schuldenberg und die Zahl der Arbeitslosen in den USA immer weiter, zwar öffnet sich die soziale Schere mehr und mehr und wird der soziale Friede gefährdet, aber die Finanzakrobaten haben wieder Oberwasser. Die Rahmenbedingungen für die Banken sind schließlich auch ideal: die US-Notenbank pumpt Tag für Tag Milliarden in den Markt und erzeugt so einen künstlichen Boom am Aktienmarkt, die US- und mittlerweile auch die Europäische Zentralbank kaufen wertlose Staatsanleihen auf, um den Ruin von Ländern zu vermeiden und nehmen so auch Druck von den Gläubigerbanken und - ganz wichtig - in einigen Ländern, vor allem in Deutschland, scheint die Konjunktur wieder angesprungen zu sein. Die Wirtschaft brummt, die Steuereinnahmen sprudeln, die Arbeitslosigkeit sinkt. Zumindest momentan. Warum also etwas ändern, es läuft doch, oder nicht?

Dieser Auffassung ist zumindest Josef Ackermann, seines Zeichens Chef der Deutschen Bank - der systemrelevantesten Bank überhaupt - und Sprecher der internationalen Verienigung der Banken. Vor einigen Tagen warnte er die G20-Staaten davor, schärfere Regeln für den Finanzsektor zu beschließen. Seine Begründung: Strengere Kontrollen und Auflagen würden das zarte Pflänzchend es Aufschwungs zerstören und Arbeitsplätze vernichten. Herrlich. Einer der Männer, der maßgeblich verantwortlich für den Casinokapitalismus der letzten Jahre ist, der uns all die Probleme erst eingebrockt hat, warnt nun davor, seiner Branche Fesseln anzulegen. Sonst ginge es der Wirtschaft schlecht. Hm, warum ist 2008 und 2009 die Weltwirtschaft gleich nochmal eingebrochen? Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, es lag nicht an schärferen Regeln für den Bankensektor. Aber vermutlich irre ich mich da, ich bin ja schließlich kein Master of the Universe…

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