Archive für 30.9.2010

Liberté, Egalité, Fraternité

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Auf diese einfache Formel der Französischen Revolution lässt sich eigentlich alles bringen, was unsere Demokratie ausmachen sollte. Die größtmögliche Freiheit des Einzelnen, allerdings immer im Gesamtzusammenhang der Gesellschaft, der Solidarität oder Brüderlichkeit. Derzeit erleben wir in Deutschland, dass die Liberté, das Liberale, die Freiheit des Einzelnen, die individuelle Selbstverwirklichung sehr viel stärker betont wird als die Verantwortung für die Gemeinschaft. Der Drang zum Ausleben aller persönlichen Lebensentwürfe - so schön das ist - wird propagiert, während das Gemeinsame zurückstehen muss. Mir ist dies erst letztlich wieder aufgefallen, als an meiner Schule ein Motivationstrainer zu Gast war. All seine - mit Verlaub - geäußerten Allgemeinplätze bezogen sich nur auf das Individuum, auf den Einzelnen. Was mir völlig fehlte, war die Einbettung in eine gesellschaftliche Verantwortung.

Und die Gleichheit? Tja, die ist leider völlig verloren gegangen. Die soziale Kluft in Deutschland wird von Tag zu Tag tiefer. Während sich Banker, die für Schulden verantwortlich sind, die noch meine Enkel abzahlen müssen, großzügigste Bonuszahlungen genehmigen, während eine HypoRealEstate - angeblich systemrelevant - mit weiteren 40 Milliarden Euro gestützt werden muss, während die wenigen Reichen in Deutschland auch im letzten Jahr ihr Vermögen steigern konnten, wird gleichzeitig über die Streichung des Schulausstattungspakets für Hartz-IV-Kinder diskutiert, wird mit dem Finger auf Arbeitssuchende gezeigt und wird wird darüber gestritten, ob man die Hartz-IV-Sätze nicht eigentlich hätte kürzen müssen. Teilweise ist es mehr als erschreckend, z.B. die Leserbriefe im Münchner Merkur zu lesen. Und faszinierenderweise sind viele dieser Zuschriften von einfachen Arbeitern, die täglich am Fließband schuften, von Rentern, deren Rente kaum für den Lebensunterhalt ausreicht. Faszinierend finde ich dies, weil ohnehin Benachteiligte gegen noch Ärmere treten und wettern - aus Angst, selbst einmal auf der sozialen Leiter ganz unten stehen zu müssen. Leider übersehen wir dabei, dass es zwar nur wenige Schritte nach unten sind, dass wir aber die obersten Klassen kaum mehr sehen, soweit sind diese schon enteilt.

Es scheint mit der Brüderlichkeit nicht weit her zu sein, wenn wir über 5,- Euro mehr pro Monat für Hartz-IV-Empfänger schimpfen, aber ganz vergessen, dass eine kleine Klasse der Gesellschaft fast das ganze Volksvermögen besitzt und ohne eigene Anstrengung pro Monat zehn- und hunderttausende Euro verdient. Einfach nur, weil das Geld arbeitet, weil die Mieten bezahlt werden und weil andere für sie schuften. So lange die soziale Kluft in Deutschland weiter wächst, so lange einige wenige Reiche auf Kosten der Allgemeinheit im Luxus leben, so lange werden Rattenfänger vom braunen Rand Erfolge verbuchen. Dass einem Thilo Sarazzin die Menschen hinterherlaufen, liegt weder an seinem Charisma, seinem Aussehen oder der Brillianz seiner kruden und obskuren Thesen, sondern daran, dass er Sündenböcke bietet, auf die man treten und schimpfen kann. Denn das tun wir nur nach unten, nach oben wollen wir ja selbst alle einmal kommen…

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