Archive für Juni 2009

Schämen, RTL

Ja, ich gestehe. Ich wollte mich informieren, um mitreden zu können. Ich wollte nicht einfach nur schimpfen, sondern wissen, worüber ich rede. Nur - und nur  - deshalb habe ich mir gestern die neue RTL-Reihe angesehen, in der Eltern ihre Babys an unreife Jugendliche verleihen, damit diese erfahren, wie ein Leben mit Kleinkindern ist. Ja, richtig, es sind echte Babys, keine Puppen. Sondern Menschen mit Gefühlen und Ängsten.

Zuerst eine Trockenübung mit einer Puppe. Prompt erdrückt einer der Möchtegern-Väter die Puppe im Schlaf. Trotzdem erhält das Pärchen ein echtes Kind. Dann das erste Kennenlernen - und schon wird ein Baby fallengelassen… In dieser Art geht es weiter…

Aber ich will RTL gar nicht angreifen - obwohl der Sender es verdient hat. Denn die kleinen Kinder können sich nicht wehren, gehen nicht wie vermeintliche Promis freiwillig in irgendwelche Dschungelcamps, sondern sie werden von verantwortungslosen Eltern ausgeliefert. Nein, RTL hat diese Aufmerksamkeit nicht verdient, mehr Empörung bedeutet letztlich mehr Quote - und das kann keiner wollen.

Wem ich aber einen Vorwurf mache, sind die Firmen, die diese Sendung als Umfeld für ihre Werbebotschaften nutzen. Würde keine Firma Werbung während dieser menschenverachtenden Show buchen, würde RTL die Sendung sofort absetzen. Deshalb habe ich gestern Abend fleißig mitnotiert - und heute folgende Firmen per e-mail davon in Kenntnis gesetzt, dass sie künftig auf mich als Kunden verzichten müssen. Ich möchte kein Unternehmen unterstützen, dass eine solche Sendung nutzt.

Hier also die Firmen, bei denen ich nicht mehr einkaufen werde:

Ford - KIK - VHV Versicherungen - Dr. Best - Katjes - Danone - DocMorris - froop - scoyo.de - Lidl - Sims - Lipton - Tena - Activia - SchwippSchwapp - KarstadtQuelle Versicherungen - kochbar.de - IKEA - Nimm2 - Sensodyne - Thomapyrin - Cremissimo - AXA - Tschibo - Punika - Deutschlandcard - Garnier - Wii fit - real - Söhnlein - OBI - MüllerMilch - babybel-Käse

Gut, bei einigen fällt es mir leicht, Tena ist wohl eher was für Frauen, KarstadtQuelle ist pleite - aber bei Katjes ist es ein echter Verzicht! In diesem Sinne, schämen RTL und schämen, liebe Firmen!

Nachtrag, Freitag, 05.06.2009

Nicht mehr schämen muss sich die Firma Storck (Nimm2). Der Marketingleiter Deutschland hat mich gerade eben angerufen und sich für den Fauxpas entschuldigt. Die Firma Storck Deutschland wird keine Werbung mehr im Umfeld der RTL-Sendung “Erwachsen auf Probe” platzieren. Ein Glück für mich, auf Storck Riesen hätte ich ungern verzichtet.

Nachtrag, Dienstag, 09.06.2009

Mittlerweile haben auch die Firmen GlaxoSmithKline (Dr. Best, sensodyne) und Söhnlein-Sekt reagiert. Beide Firmen werden in den kommenden Ausgaben von “Erwachsen auf Probe” auf Werbespots verzichten. Hoffentlich folgen möglichst viele Unternehmen diesen Beispielen, damit RTL auf weitere Staffeln verzichtet.

Nachtrag, Donnerstag, 11.06.2009

Die Versicherungsgesellschaft VHV wird keine Werbung mehr bei “Erwachsen auf Probe schalten”, nachdem man sich dort selbst ein Bild der Sendung machen konnte. Danke!

Die Freiheit der FDP

Die FDP in Bayern will dem neuen Waffenrecht im Bundesrat nicht zustimmen. So vermelden es zumindest übereinstimmend heute Morgen Münchner Merkur und Süddeutsche Zeitung. Warum? Das neue Recht sieht vor, dass Behörden unangemeldete Hausbesuche bei Waffenbesitzern machen dürfen, um mal nachzufragen, ob die Waffen auch sicher aufbewahrt sind. Nicht, dass ein Waffenbesitzer die Behördenvertreter ins Haus lassen müsste, nein, so scharf soll es dann doch nicht sein, aber der FDP geht das zu weit. Schließlich, so die Begründung, würden die meisten Verbrechen mit illegalen Waffen verübt werden.

Richtig, die meisten. Und - noch viel wichtiger - das Waffenrecht wurde nicht “verschärft”, weil so viele Banküberfälle verübt wurden, sondern weil wieder einmal ein Amoklauf an einer Schule stattfand. Ausgeführt mit einer legalen, registrierten Waffe, die nicht korrekt aufbewahrt worden war. Wie bei jedem anderen Amoklauf in Deutschland auch. Aber vielleicht hat die FDP all das gar nicht mitbekommen…

Vielleicht hat die FDP auch nicht verstanden, dass Freiheitsrechte durchaus eingeschränkt sind. Immer dann, wenn andere durch den Gebrauch meiner Freiheit in Mitleidenschaft gezogen werden, immer dann, wenn die Würde oder das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit eingeschränkt werden, endet meine Freiheit. Dies betrifft meine Freiheit zu rauchen ebenso wie meine Freiheit, in meinen vier Wänden tun und lassen zu können, was ich will. Und gehört es wirklich zur Freiheit des Menschen, Waffen zu besitzen? Aus welchem Grund muss man heutzutage Waffen und Munition zu Hause lagern?

Die FDP hat leider vergessen, dass die Medaille Freiheit zwei Seiten hat. Auf der Rückseite steht nämlich immer auch Verantwortung. Mal nachdenken, liebe FDP!

Arme Freie Wähler

“Die Freien Wähler sind keine Partei und fallen damit auch nicht unter das Parteifinanzierungsgesetz.” So kann man es auf der Homepage von Klaus Hamal lesen, der für die Programmfreien Wähler zur Europawahl antritt. Sein Kollege Karl-Heinz Jobst hat im Landtagswahlkampf auch schon betont, dass die FW im Gegensatz zu den übrigen Parteien ja nicht vom Geld der Steuerzahler leben.

Gut, dass die FW dann umso mehr auf Spender angewiesen wären und damit noch abhängiger werden würden, sei einmal dahingestellt, entscheidend ist, dass diese Aussagen schlicht und einfach die Tatsachen verdrehen. Denn selbstverständlich erhalten die FW Steuergelder, um ihre Arbeit zu finanzieren. Das ist nichts Anrüchiges, die staatliche Parteienfinanzierung sorgt schließlich dafür, dass Parteien ihren verfassungsmäßigen Auftrag unabhängig erfüllen können - vorausgesetzt, sie nehmen nicht noch zusätzlich Firmengelder an. Aber da ist die ÖDP ja die einzige Partei - und Wählergruppe - in Deutschland, die auf Konzernspenden verzichtet…

Ärgerlich ist, dass die FW so tun, als seien sie besser als Parteien - entgegen den Realitäten. Denn in Artikel 21a des Landtagswahlgesetzes ist zum Beispiel festgehalten, dass freie Wählergruppen pro erhaltener Stimme 1,28 € erhalten. Einmalig, im Gegensatz zu Parteien, die max. 0,85 € jährlich pro Wählerstimme bekommen. Die Freien Wähler hatten bei der Landtagswahl beispielsweise 567.509 Stimmen, das macht dann also 726.411,52 € aus Steuergeldern. Und da sie ja keine Partei sind, müssen sie auch keinen Rechenschaftsbericht abgeben, d.h. die Öffentlichkeit kann nicht nachprüfen, vom wem die FW Gelder erhalten bzw. für was sie die Gelder ausgeben.

Vielleicht sollten die FW endlich einmal eingestehen, dass sie seit ihrem Entschluss an der Landtagswahl teilzunehmen, eine Partei wie alle anderen sind. Es gibt Fraktionszwang (wie bei der Wahl des Bundespräsidenten), es gibt ein Hauen und Stechen um Posten und Ämter, es gibt Steuergelder zur Finanzierung - das einzige, was jetzt noch fehlt, ist ein Programm, damit die Wählerinnen und Wähler schon vor der Wahl wissen, wen sie da eigentlich unterstützen.

Expertenwissen

Parlamente in Deutschland sind sogenannte Arbeitsparlamente, das heißt, Bundestag oder Landtage bilden Ausschüsse zu bestimmten Themen, in denen dann die Experten der Fraktionen sitzen, um Gesetzesvorschläge zu diskutieren. In Großbritannien zum Beispiel gibt es keine ständigen Ausschüsse, die Entscheidungen fallen nach einer gemeinsamen Diskussion im Unterhaus.

Auch Bayern hat sich für ein Arbeitsparlament entschieden, schon allein, weil die Komplexität der Themen es einfach erfordert, sich intensiv einzuarbeiten und mit der Materie zu beschäftigen. Deshalb gibt es in allen im Bayerischen Landtag vertretenen Parteien Experten für bestimmte Themen. Marcel Huber von der CSU galt beispielsweise als Agrarexperte, bevor Seehofer ihn als Staatssekretär ins Kultusministerium geschickt hat. Oder Erwin Huber. Der soll ja seit neuestem das wirtschaftspolitische Gesicht der CSU verkörpern, durchaus nachvollziehbar, als ehemaliger Wirtschafts- und auch Finanzminister.

Analog dazu haben alle Fraktionen natürlich auch Experten für das Gesundheitswesen - also für alle Fragen, die die Gesundheit der bayerischen Bürgerinnen und Bürger betreffen. Für gewöhnlich sind das (ehemalige) Ärzte, schließlich bringen die von vornherein Fachwissen mit in den Landtag und seine Ausschüsse. Am letzten Donnerstag tagte also der Gesundheitsausschuss des Bayerischen Landtags. Auf dem Programm stand ein Gesetzentwurf der CSU/FDP-Regierung zur Aufweichung des Nichtraucherschutzes. Eine wichtige Sache also, vor allem aus gesundheitspolitischer Sicht.

Und siehe da: Der Gesundheitsexperte der FDP durfte an der Sitzung nicht teilnehmen, er wurde von einem Befürworter der Aufhebung des Nichtraucherschutzes vertreten. Und auch die Freien Wähler schickten lieber einen unbedarften Abgeordneten in die Sitzung. Allein Dr. Thomas Zimmermann von der CSU stand seinen Mann - und stimmte gegen den Entwurf seiner eigenen Partei. Weil er als Arzt und Gesundheitsexperte weiß, welche Folgen Passivrauchen haben kann.

Aber anstatt auf die Experten in der eigenen Partei zu hören, haben die übrigen Vertreter von CSU, FDP und Freien Wählern den Nichtraucherschutz in Bayern ausgehebelt. Wider besseres Wissen - bloß, um den Populismus der FDP zu bedienen und aus Angst vor einer Schlappe bei der Europawahl. Arme CSU.

Es bleibt zu hoffen, dass die Abgeordneten im Landtag bei der abschließenden Abstimmung mehr Rückgrat zeigen und auf die Experten aller Fraktionen hören. Denn diese sagen unisono, dass der Nichtraucherschutz erhalten bleiben muss. Falls nicht, wird die ÖDP die gesammelten 30.000 Unterschriften einreichen - dann soll das Volk entscheiden!