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24.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Es war einmal, vor langer, langer Zeit, eine kleine Stimme, die fühlte sich sehr unwohl. Überall, wo sie auftauchte, sahen die Menschen mit Missgunst auf sie herab und ständig musste sie sich anhören, sie sei ja eh verloren. Verloren, wie traurig.
Unsere kleine Stimme wanderte durch die Lande, auf der Suche nach jemanden, der ihr helfen könnte. Zuerst traf die kleine Stimme einen grünen Frosch, der quakte immer wieder ganz laut, die kleine Stimme sei verloren, verloren, verloren… doch als die Stimme den Frosch fragte, was er denn eigentlich wolle, da hörte sie ihn von Gesamtschule, staatlicher Kinderbeaufsichtigung und freier Abtreibung schwadronieren und dachte sich, nein, nur weil er grün ist, bekommt er mich nicht. Die kleine Stimme ging weiter, immer noch traurig und das Quaken des Frosches im Ohr, als sie plötzlich vor einem dunkelroten Gockel stand. Der Gockel sang fröhliche Lieder, von einem Paradies, in dem alle Menschen genügend Geld hätten, um ohne Sorgen leben zu können. Die Stimme wollte sich dem Barden schon an den Hals werfen - aber, oh nein, der Dunkelrote konnte gar nicht erklären, wie er all seine Wohltaten finanzieren wollte. Bedrückt schlich sich die kleine Stimme von dannen, als sie auf einem Ast ein Chamäleon entdeckte. Fast hätte sie es übersehen, so oft wechselte es die Farbe. Die kleine Stimme wollte wissen, ob das Chamäleon etwas mit ihr anfangen könne, doch das wechselhafte Tier konnte ihr nicht sagen, was es eigentlich will. Hauptsache ich bin frei, mal so, mal so, je nach Stimmung. Nein, das war nicht, was die kleine Stimme wollte.
Voller Sorge und Angst vor der eigenen Zukunft schlich die kleine Stimme weiter, in der Hoffnung, doch noch eine Lösung zu finden. Da traf sie auf einer kleinen Waldlichtung ein ausgewaschenes rotes Eichhörnchen. Das kleine Eichhörnchen hatte es sich in seiner Höhle bequem eingerichtet, es lebte dort schon seit 46 Jahren. Hm, hier könnte ich vielleicht gebraucht werden, dachte die kleine Stimme, doch nein, das Eichhörnchen predigte von Eltern, die ihr Kindergeld lieber versaufen und ihre Kinder vernachlässigen, von radikalen Reformen an den Schulen und von bunten Koalitionen. Das alles wollte die kleine Stimme nicht, aber sie wollte doch auch nicht verloren sein. Was tun?
Da betrat ein mächtiger schwarzer Löwe die Szenerie. Gut, er war etwas lädiert und wankte leicht, vielleicht waren zwei Maß Bier doch zu viel. Aber was solls, der Löwe brüllte die Stimme an: Ich bin Bayern und Du bist stolz auf Bayern. Also, her mit Dir. Die Stimme erschrak, diese Arroganz wollte sie sicher nicht unterstützen, einfach weiter so? Nein. Dicke Tränen kullerten der kleinen Stimme über die Backen. Sie war verzweifelt.
Da, plötzlich machte der Löwe einen Satz und schrie laut auf. Was war da los? Die Stimme wischte sich die Tränen aus den Augen und sah genauer hin. Im Gras lag ein grinsender Reißnagel, orangefarben. Er war zwar klein, aber dafür sehr sehr spitz. Wie der den Hintern des Löwen in Bewegung gesetzt hatte, toll. Die Stimme unterhielt sich lange mit den Reißnagel, über Anerkennung für Familien, Energiesicherheit, Verantwortung für die folgenden Generationen und, und, und… Und sie stellte fest, dass der Reißnagel sie brauchen konnte, damit er noch spitzer und noch stärker werden konnte. Alle anderen, der Frosch, der Gockel, der Löwe, das Chamäleon und das Eichhörnchen schrien, nein, Du bist verloren, der hat in unserem Wald doch nichts verloren, doch die Stimme hatte sich entschieden.
Denn eines wusste sie genau: Verloren war sie nur, wenn sie allein blieb und sich nicht für jemanden entschied. Und warum das kleinere Übel wählen, wenn es einen passenden Reißnagel gibt.
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17.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Ich weiß, die Fülle an Plakaten, die derzeit die Straßenränder des Landkreises zieren, ist eher abschreckend, aber vielleicht hat sich der ein oder andere doch Zeit genommen, sich die Plakate genauer anzusehen. Die von der CSU sind ja besonders gut zu sehen, scheint doch Größe vor Inhalt zu gehen. Ist Ihnen denn dabei etwas aufgefallen? Bei den meisten Plakaten steht ein Name des Kandidaten und der Spruch “Für Sie in den Landtag”. Also z.B. “Marion Butz. Für Sie in den Landtag” oder eben auch “Für Sie in den Landtag. Stefan Grabrucker”. Wir haben uns ganz bewusst für diese Formulierung entschieden, weil die Kandidaten der ödp (und weil ich) es sich zum Ziel gesetzt haben, als Interessenvertreter der Bevölkerung in den Landtag einzuziehen. Wir wollen dort Politik für die Menschen betreiben.
Ganz im Gegensatz dazu, hat sich die CSU für einen anderen Spruch entschieden. “Für uns in den Landtag”, steht dort. Für uns. Nachdem das Plakat ja deutlich von der CSU ist, kann mit “uns” logischerweise nur die CSU gemeint sein. Also sollen Herr Schwimmer und Frau Scharf-Gerlspeck für die CSU in den Landtag, um dort die Interessen der Partei zu vertreten. Interessant. Und noch ein Stückchen interessanter, wenn man Artikel 13 der Bayerischen Verfassung kennt: Dort steht ausdrücklich, dass die Abgeordneten des Bayerischen Landtags Vertreter des ganzen Volkes und nicht einer Partei sein sollen.
Vielleicht wäre es nach Jahrzehnten Einparteienherrschaft vielleicht an der Zeit, diesen Auftrag unserer Verfassung zu berücksichtigen…
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12.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Mein heutiger Eintrag handelt von Betonköpfen. Von Menschen also, die laut Duden völlig uneinsichtig sind und auf ihren Ansichten beharren. Zum Beispiel auf der Meinung, dass Ökonomie und Ökologie sich nicht vereinbaren lassen. Ja, es soll tatsächlich noch Menschen geben, die ernsthaft glauben, Umwelt- und Klimaschutz behindere die wirtschaftliche Entwicklung.
Sicher, die Erfolge gerade im Bereich der erneuerbaren Energien, der Arbeitsplatzzuwachs im Sektor der Klimaschutztechnik, die steigenden Umsätze und Aktienkurse der ökologischen Firmen sprechen eine andere Sprache, aber es gibt sie noch, diese Betonköpfe. Ich will da gar keine Namen nennen, aber es gibt ja auch im Landkreis eine Landtagskandidatin, die wacker für die 3. Startbahn kämpft und die behauptet, das Engagement gegen die A94 durch das Isental sei vertane Energie.
Der Bund Naturschutz hat an alle ernsthaften Bewerber zur Landtagswahl (also auch an die ödp) zehn Fragen geschickt, die sich mit Themen wie der Einrichtung eines fränkischen Nationalparks, der gentechnikfreien Landwirtschaft, dem Ende der Atomkraft, der CO2-Reduzierung, der Erhöhung der Finanzmittel für Naturschutzmaßnahmen, dem Bau von Startbahn und A94 und der Gemeinwohl orientierten Bewirtschaftung der Staatswälder beschäftigt. Die CSU wollte sich bei keiner Frage auf eine eindeutige Antwort festlegen - bisher bin ich das nur von den (programm)freien Wählern gewohnt. Gut, ich muss wohl nicht erwähnen, dass die ödp vom Bund Naturschutz die Note 1* erhielt.
Uns geht es ja heute um die Betonköpfe. Und die sitzen - Obacht - in der FDP. Denn die FDP will gentechnische Versuche in der Landwirtschaft, will die Nutzung der Atomkraft, ist gegen ein bayerisches Klimaschutzgesetz mit verbindlicher CO2-Reduzierung, möchte am Naturschutz sparen und den Staatswald gewinnorientiert bewirtschaften. Die Startbahn und neue Autobahnen befürworten die Liberalen ohnehin. Interessant, die FDP hat sich bei 8 von 10 Fragen gegen die Ökologie ausgesprochen, nur den Schutz der Donau befürwortet man. Eine Frage konnte nicht eindeutig beantwortet werden (Einrichtung eines fränksichen Nationalparks).
Wer wie die FDP offensichtlich glaubt, dass man Wirtschaftswachstum absolut setzen muss, wer glaubt, die Umwelt und die Zukunft unserer Kinder im wahrsten Sinne des Wortes verbauen zu können, der hat im Bayerischen Landtag auch weiterhin nichts verloren. Gut, dass die FDP bisher draußen bleiben musste - denn eine solche Politik der Zerstörung der Naturschönheiten Bayerns, eine solche Politik, die Bayern unvorbereitet auf eine Klimakatastrophe zusteuern lässt, ist nicht zukunftsfähig.
Wie gesagt, Betonköpfe verharren stur auf ihren politischen Ansichten aus den 70er Jahren. Lassen wir die FDP dort, wo sie seit Jahren ist. Außerhalb des Landtags.
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11.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Frohgemut ging ich heute Morgen wieder zum Bäcker, um das Frühstück und die Brotzeit für den Kindergarten zu kaufen. Bei unserem Bäcker hängt auch ein Zigarettenautomat und wer strahlte mich heute vom Automaten aus an? Ein gewisser Herr Koch. Er kandidiert wohl für eine dieser Splitterparteien für den Bayerischen Landtag. Und was sagt mir Herr Koch auf dem Automaten: Die Freiheit in Bayern steht auf der Kippe.
Bisher dachte ich immer, auf den Kippen stünden Dinge wie: Rauchen macht impotent, Rauchen gefährdet ihre Gesundheit, Rauchen schadet Ihren Mitmenschen oder Rauchen verursacht Lungenkrebs. Scheinbar steht nun auch Freiheit darauf. Oder was das anders gemeint?
Wird Bayern gar bedroht? Droht uns ein Überfall, vielleicht aus Österreich oder gar aus Hessen? Oder hat die CSU vor, nach der Wahl all diese unanständigen Menschen wegzusperren? Oder gleich alle, damit Ruhe ist? Die Freiheit in Bayern steht auf der Kippe. Hmm… das ist dann natürlich bedenklich.
Bisher dachte ich ja, die Nichtraucherschutzgesetze in Bayern dienten dazu, Nichtraucher zu schützen. Wie das ja auch der Name des Gesetzes schon sagt. Vor allen in öffentlichen Gebäuden, also in Behörden oder auch Gasthäusern sollen die gezwungenen Passivraucher und die Bedienungen geschützt werden, da eine Selbstverpflichtung nicht zu realisieren war. Ist das wirklich ein Eingriff in die Freiheit? Wer rauchen will, kann dies in seinen eigenen vier Wänden ohnehin tun - und das, obwohl Nikotin eine Droge ist und Gesundheitsschäden in Millardenhöhe verursacht und viel persönliches Leid hervorruft. Ist es wirklich ein Einschnitt in die Freiheit in Bayern, wenn man die Gesundheit von Menschen schützt?
Die ödp bekennt sich zu einem wirklichen Nichtraucherschutz. Rauchen in der Wirtschaft ist nicht Ausdruck bayerischer Kultur oder Gemütlichkeit. Bis Anfang des 16. Jahrhunderts war Tabak hierzulande nicht einmal bekannt. Rauchen ist Zeichen einer gesundheitsgefährdenden Sucht - insofern ist es sehr löblich von Herrn Koch, wenn er Zigarettenautomaten durch sein Plakat unkenntlich macht und quasi verschwinden lässt. Weiter so, Herr Koch.
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10.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Sie haben es ja mit Sicherheit in der Zeitung gelesen: Christa Stewens, die bayerische Sozial- und Arbeitsministerin war zu Gast in Erding. Genauer genommen beim Erdinger Weißbräu, der sich in diesen Wochen der ganzen Aufmerksamkeit der CSU-Prominenz kaum mehr entziehen kann. Warum Frau Stewens eigentlich hier war, weiß ich nicht so Recht, jedenfalls sprach sich unsere Sozialministerin gegen eine Null-Promille-Grenze für Autofahrer aus. Aber wie meinte der Ministerpräsident im Bierzelt: Nach einer Maß Bier kann man noch Auto fahren. Naja, vielleicht, wenn man einen Chauffeur hat.
Aber das nur am Rande. Viel interessanter an Frau Stewens Besuch ist, dass sie alleine war. Kein Jakob Schwimmer, keine Ulrike Scharf-Gerlspeck, kein Max Gotz, kein Martin Bayerstorfer. So was. Es ist Wahlkampf und die CSU geht nicht hin. Nicht, dass Sie denken, dei Abwesenheit sei ein Affront gegen die Ministerin gewesen. Iwo. Das Ministerium von Frau Stewens hatte schlicht vergessen, die Erdinger CSU einzuladen.
Hoppla. Wer hat das vergessen, Frau Stewens? Ihr Ministerium? Sie meinen damit doch nicht etwa diese staatliche Behörde, die zu parteipolitischer Neutralität verpflichtet ist und deren Beamte keinesfalls parteipolitische Aufgaben übernehmen dürfen? Das meinen Sie doch nicht, oder Frau Stewens? Schließlich wäre es ja ein unerlaubter Einsatz von Staatsbediensteten für die Zwecke einer Partei, so etwas gibt es doch in Bayern nicht.
Oder doch?
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9.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Näher am Menschen - ich nehme an, dieser sinnige Spruch kommt Ihnen bekannt vor. Zumindest, wenn Sie Werbematerial und Plakate der CSU aufmerksam angesehen haben. Wie nah die CSU den Menschen - und ausgerechnet mir - aber ist, wusste ich bisher jedoch nicht.
Aber von Anfang an: Gestern Abend, es war eine laue Spätsommernacht, radelte ich frohen Mutes nach Hause. Ich kam von meinem Vortrag über Bildungspolitik und war guter Laune, schließlich waren doch einige Interessierte erschienen. Und das, obwohl der Ministerpräsident in der Stadt war und mir Konkurrenz zu machen versuchte. Jedenfalls musste ich zu Hause feststellen - ich wohne in der Freisinger Siedlung in Erding, also in der Nähe des Volksfestplatzes - dass selbst im Haus die Stimme eines Mannes zu hören war. Gut, die letzte Woche ging das jeden Abend so, aber immerhin waren es die Stimmungslieder der Bierzeltkapellen und das Kreischen der Menschen, die TopSpin fuhren. Gestern, ja, gestern erkannte ich die Stimme nach und nach als die unseres Landesvaters. Und bei geöffnetem Fenster konnte ich seinen Worten sogar lauschen.
Ich muss zugeben, dass mir für einen kurzen Moment der Gedanke kam, die Polizei wegen nächtlicher Ruhestörung anzurufen. Wäre doch eine schöne Schlagzeile geworden… ödp dreht Beckstein den Saft ab… oder Grabrucker bringt Beckstein zum Schweigen…
Naja, dachte ich mir, was solls. Jetzt ist für einen kurzen Moment die CSU sogar mir nah…
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7.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Sommer, Sonne, Bayern. So fühlte ich mich gestern auf dem Münchner Marienplatz. Es war herrliches Wetter, die Sonne schien und es wehte ein leichtes Lüftchen. Man traf sich mit Freunden, es gab Bayerische Fahnen zu sehen, viele Menschen in Tracht. Ein schönes Gefühl - so wie es auf den Wahlplakaten der CSU derzeit beschrieben wird.
Trotzdem dürfte der gestrige Anblick der CSU nicht gefallen haben. Denn auf dem Münchner Marienplatz und später auf dem Odeonsplatz versammelten sich gestandene Bayern, Familien, heimatliebende Menschen, die genau das Lebensgefühl verkörpern, das die CSU so gerne für sich vereinnahmt. Und trotzdem demonstrierten diese 10.000 Menschen gestern gegen Projekte, auf die die CSU stolz ist und die von der Staatsregierung mit aller Macht vorangetrieben werden. Sei es der Ausbau der Donau, die unsinnige Planung für eine Autobahn quer durch das wunderschöne Isental oder die rücksichtslose Erweiterung des Flughafens Franz-Joseph-Strauß: die CSU - immer näher am Menschen - hat vergessen, dass von all diesen Projekten auch Menschen betroffen sind. Menschen, deren Interessen bei der Abwägung von Individual- und Gemeinwohl nicht berücksichtigt werden, die sich nicht wie Konzerne und Industriebosse einfach Zugang zu Ministern und Amtsträgern verschaffen können.
Umso schöner macht dies die gestrige Demonstration, bei der diese Menschen lautstark und eindrucksvoll zeigen konnten, dass es sie gibt und dass auch ihre Interessen zählen. Schade, dass kein Verantwortlicher der CSU gestern vor Ort war. Auch Erdings hohe Würdenträger ließen sich nicht blicken, obwohl gerade unser Landkreis von zwei naturzerstörerischen und unsinnigen Projekten betroffen ist.
Mein Dank gilt den 10.000 Bayerinnen und Bayern, die sich gestern versammelten, um für den Erhalt ihrer Heimat zu kämpfen. Denn es geht nicht darum - wie es die CSU uns vorgeworfen hat - gegen alles zu sein. Es geht darum, für etwas zu sein. Für ein gesundes Klima, für den Erhalt der Naturschönheiten unserer Heimat, für die Gesundheit unserer Kinder. Für Bayern.
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4.9.2008 von Stefan Grabrucker.
Geht es Ihnen genauso wie mir? Ich kann von Wahlkämpfen einfach nicht genug bekommen. Nein, nicht, weil ich so gerne Zettel verteile, Plakate aufstelle (noch dazu mit meinem Konterfei - ein sehr komisches Gefühl, sich sehen zu müssen) oder an Infoständen stehe. Ich genieße Wahlkämpfe einfach deshalb, weil die anstehenden Wahlen unerwartete und plötzliche geistige Energien freizusetzen scheinen.
Da wird jahrelang Politik betrieben, es wird diskutiert, Anträge, Petitionen oder Volksbegehren werden abgelehnt oder verschwinden in den Schubladen und dann, plötzlich, kurz vor der Wahl, tauchen all die guten Ideen wieder auf. Sie wissen nicht, was ich meine? Nun, ich will Ihnen ein paar wenige Beispiele geben. Die SPD in Bayern hat immer die Notwendigkeit einer 3. Startbahn am Flughafen betont, aber nun, kurz vor der Wahl, räumt der SPD-Spitzenkandidat Maget ein, dass man die Angelegenheit vielleicht noch einmal in Ruhe prüfen sollte. So, als seien die Belastungen und die steigenden Energiepreise die letzten Jahre unbekannt gewesen.
Die CSU hat seit der Wahl 2003 den Schulen immer mehr Aufgaben aufgebürdet, hat “Reformen” übers Knie gebrochen, an Verwaltungsstellen gespart, Arbeitszeiten verlängert und Lehrer nach dem Referendariat zu hunderten nicht übernommen. Und nun, kurz vor der Wahl, gibt Ministerpräsident Beckstein bekannt, dass Jahr für Jahr tausend neue Lehrerstellen geschaffen werden sollen und dass Klassengrößen begrenzt werden müssen. So, als seien die Zustände an den Schulen die letzten Jahre unbekannt gewesen.
Noch ein Beispiel gefällig? Ein besonders schönes übrigens, wie ich finde. Gestern hat die CSU-Staatsregierung beschlossen, sich auf europäischer Ebene für eine gentechnikfreie Zone Europa einzusetzen. Seit 2003 hat die CSU immer wieder Anträge im Landtag, die auf ein Verbot gentechnisch manipulierter Pflanzen in der bayerischen Landwirtschaft hinausliefen, abgeschmettert. Eine entsprechende Petition der ödp hat die CSU 2006 im Landtag abgelehnt, trotz 15.000 Unterschriften. Aber nun, kurz vor der Wahl, ist eine gentechnikfreie Landwirtschaft plötzlich ein erstrebenswertes Ziel. Warum ich dieses Beispiel so schön finde? Nun, es gibt noch ein Zuckerl. Es gibt in Bayern so gut wie keinen Landwirt, der gentechnisch veränderte Pflanzen anbaut. Aus gutem Grund. Fast alle Anbauflächen, auf denen z.B. Genmais wächst, sind in staatlicher Hand. Und wer stellt die Staatsregierung? Richtig, eben jene CSU, die nun keine Gentechnik mehr will. Aber anstatt einfach den Versuchsanbau auf den Staatsgütern zu beenden, z.B. auch in Grucking, schiebt man den Schwarzen Peter nach Brüssel. Bis nach der Wahl.
Und das ist der Grund, warum ich mir an manchen Tagen wünsche, dass jedes Jahr gewählt werden würde. Dann müssten all die schönen Wahlversprechen auch umgesetzt werden und man könnte nicht auf das schlechte Gedächtnis des Volkes hoffen. Mal sehen, welche Ankündigungen dann nach dem 28.09.2008 noch Gültigkeit besitzen.
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